Herzschrittmacher für Ostafrika

Kardiologie unterwegs – East African Heart Rhythm Project

Seit 2010 unterstützen die Mitarbeiter des Herz- & Gefäßzentrums Dr. Claudius Hansen u. Heiko Saathoff als aktive Mitglieder von „Herzschrittmacher für Ostafrika e.V.“ das East African Heart Rhythm Project. Ziel des Projektes ist, herzkranken Menschen in Afrika zu helfen. Schwerpunkt der Aktivitäten liegt in der Organisation und Durchführung von Herzschrittmacheroperationen in Kenia. Zudem investiert der Verein in die Versorgung von Provinzkrankenhäusern Ostafrikas mit EKG-Geräten, Monitoren und externen Defibrillatoren sowie in die medizinische Ausbildung des Personals vor Ort.

Die Einsätze des East African Heart Rhythm Project finden 2 Mal jährlich in Krankenhäusern in Nairobi statt. In den letzten 5 Jahren wurde bereits >250 bedürftigen Patienten ein Herzschrittmacher implantieren.

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Hintergrund

Emotionale Bindung zu Afrika und die desolate medizinische Versorgung der breiten Bevölkerung waren für PD Dr. Carsten Israel (Evgl. Krankenhaus Bethel, Bielefeld) und Dr. Claudius Hansen (Herz- & Gefäßzentrum Göttingen) der Grund, einKenia2010_3 gemeinsames Projekt für Kenia zu initiieren, um in ihrem Spezialgebiet (Kardiologie / Rhythmologie) mit Spendenmitteln die Versorgung bedürftiger Patienten zu berbessern.

 

Kardiovaskuläre Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle treten zwar deutlich weniger als in westlichen Kenia2010_2Industrieländern auf, werden jedoch aufgrund steigender Lebenserwartung und besseren Lebensbedingungen auch in Kenia häufiger. Haupttodesursachen sind zurzeit noch Infektionskrankheiten, doch ist in den nächsten Jahren mit einem Anstieg kardiovaskulärer Todesfälle zu rechnen. PD Dr. Israel und Dr. Hansen sind Ausbilder im Bereich Herzschrittmachertherapie für die deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK). PD Dr. Israel ist auch international anerkannter wissenschaftlicher Fachmann.
Durch einen früheren Besuch der Universitätsklinik in Nairobi und eines allgemeinen Krankenhauses in Machakos hat Dr. Israel erfahren müssen, dass Patienten, die eigentlich einen Herzschrittmacher wegen eines „Herzblockes“ (AV Block III) benötigten, sterben mussten, weil sie sich keinen Herzschrittmacher leisten konnten.
Ziel war daher, durch Spenden zumindest 10-20 Patienten zu versorgen und EKG-Geräte und Defibrillatoren in kommunale Krankenhäuser zu bringen.

Bereits 2006 hatte Dr. Israel 8 Patienten mit einem Schrittmacher versorgen können.

Im Januar 2010 konnten 13 kenianische Patienten mit einem Herzschrittmacher versorgt werden. Außerdem wurden 3 gebrauchte EKG-Geräte und 3 Defibrillatoren mitgenommen. Jeweils ein Gerät konnte mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums in das General Hospital nach Machakos gebracht und die dortigen Mitarbeiter geschult werden.

Das Kenyatta National Hospital Nairobi ist die einzige Universitätsklinik im Land und formal mit allen medizintechnischen Möglichkeiten ausgestattet. Herz- und Gefäßchirurgie, Herzkatheterlabor, Intensivstation, Dialyse etc. sind vorhanden.

Die Kosten für die Behandlung sind deutlich niedriger und somit zumindest für einen Teil der Bevölkerung bezahlbar. Allerdings wird jede Einzelleistung in Rechnung gestellt. Zum Beispiel kostet eine diagnostische Herzkatheteruntersuchung 50 Euro (in einer Privatklinik 1.000 Euro). Medizinische Implantate wie z.B. Herzschrittmacher können in der Regel von den Patienten nicht bezahlt werden. Einzelne Abteilungen bilden hier Ausnahmen, sind aber fast ausschließlich aus Spenden bzw. Kooperationen finanziert (4).

Sollte das Herzkatheterlabor im Kenyatta Hospital Nairobi wieder voll funktionsfähig werden, können auch andere elektrophysiologische Prozeduren, wie z.B. Ablationen oder Implantation von biventrikulären Herzschrittmachern angeboten werden.
Die Schulung der in Ausbildung stehenden Kardiologen in komplizierte Behandlungsmethoden soll innerhalb dieses Projektes zusätzlich durchgeführt werden.

Bei jedem Besuch soll künftig jeweils ein weiteres regionales Krankenhaus mit einem EKG und einem Defibrillator ausgestattet werden. In diesen Kliniken werden verantwortliche Ärzte ausgewählt, die pro Woche jeweils ein EKG per Fax zur Auswertung nach Deutschland schicken, um die Qualität zu prüfen bzw. zu schulen. Sollten Kliniken diese Übermittlung nicht durchführen, werden die Geräte wieder abgeholt.

Langfristiges Ziel der beiden Initiatoren ist die Hilfe für den Aufbau einer kardiovaskulären Grundversorgung breiter Bevölkerungsschichten Kenias.

Das Gesundheitssystem in Kenia ist Spiegel der dortigen Gesellschaft und mit den Gesundheitssystemen von Industrieländern nur wenig vergleichbar. Eine auf Grundlage eines Umlageprinzips aufgebaute, solidarisch getragene Gesundheitsversorgung ist für die Bevölkerung nicht vorhanden.

Die große Anzahl an Jobs in nur minderbezahlten Bereichen (Dienstleistung, Tagelöhner etc.) bringt zwangsläufig keine Einnahmen. Im Gegenteil: die gesundheitliche Absicherung ist individuelles Risiko des Einzelnen und persönlich zu bezahlen. Das führt dazu, dass sich die gesellschaftliche Kluft von Arm und Reich auch im Gesundheitswesen widerspiegelt. Grund für den miserablen Zustand des kenianischen Gesundheitssystems ist die Tatsache, dass maximal nur etwa ein Viertel der Bevölkerung überhaupt (privat-) krankenversichert ist. Von den im Niedriglohn-Bereich Beschäftigten 9 Millionen Kenianern sind es <7 Prozent. Der Rest muss die Kosten für Behandlung und Medikamente gänzlich aus eigener Tasche bezahlen. So wird ein Krankheitsfall in der Familie, aber auch die Geburt eines Kindes, zu einer oft untragbaren finanziellen Belastung. Hier versucht Kenia gerade ein solidarisch getragenes und staatlich subventioniertes Krankenversicherungs-System einzuführen (2), (3).

Staatliche Strukturen sind formal vorhanden, werden im Fall bedrohlicher Erkrankungen auch zwangsläufig frequentiert. Die Ausstattung und die hygienischen Verhältnisse der Krankenhäuser sind jedoch sehr schlecht. Im Gegensatz hierzu gibt es Privatkliniken, die mit den meisten Kliniken in Europa vergleichbar, allerdings nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung finanzierbar sind.

Quellen:
(1) KfW-Entwicklungsbank Entwicklungsreport Kenia 2009
(2) GTZ www.gtz.de/de/dokumente/de-soziale- krankenversicherung-ke
(3) KfW- Entwicklungsbank „Gesundheitsgutscheine“ zur direkten Hilfe
(4) ÄrzteZeitung.de vom 15.09.2008; „Der lange Weg Kenias zur Krankenversicherung“ African Health Monitor January – June 2007 Vol 7 No 1; WHO Regional Office for Africa

Fotos: Dr. Claudius Hansen, Andreas Dormeyer